Die Reise nach Breslau: Tag 10

Freitag, 20. Juli: Die Speiche

Was ein blöder Tag! Irgendwie war alles anstrengend, aber immerhin habe ich Görlitz erreicht und werde morgen die Grenze nach Polen überqueren. Heute morgen habe ich recht früh mein Zimmer geräumt und bin ein wenig umhergewandert, um dann gegen zehn mein Fahrrad abzuholen. Das war auch praktisch fertig, aber der Handwerker schlug vor, auch noch die Bremsbeläge auszutauschen, weil die doch arg abgerieben seien. Nach den letzten Tagen wunderte mich das nicht, ich stimmte also zu, ließ ihn arbeiten und schaute mich en wenig im Laden um. Ich erspähte zwei Wasserflaschen als Ersatz für meine alten, in denen irgendetwas gewachsen war (Algen oder so etwas, jedenfalls ging es nicht ab und ich wollte lieber neue Flaschen haben). Dann merkte der Mechaniker, dass mein Rücklicht nicht ging, tüdelte ein wenig, maß ein paarmal und stellte fest, es sei das Minuskabel. Das aber ordentlich (also in der Stange wie gehabt) zu verlegen würde etwas dauern, also beschloss ich, diese Reparatur auf nach der Fahrt zu verschieben. Erst später stellte ich fest, dass er bei der ganzen Tüdelei dafür gesorgt hatte, dass das Vorderlicht auch nicht mehr funktionierte. Derweil aber erspähte der Chefmechaniker mein Rad und schlug vor, den Lenker etwas zu verstellen, das sei besser für die Handhaltung; dann meinte er, ich solle mir noch ein paar Ergon-Griffe zulegen, das würde es perfekt machen. Zur Demonstration hob er ein Fahrrad aus dem Wandhalter, das auf der einen Seite einen gewöhnlichen Griff hatte und auf der anderen Seite den Ergon-Griff, und ließ mich einfach mal eine Runde drehen. Ich habe dann auch noch ein paar Ergon-Griffe gekauft und anbauen lassen. Im Endeffekt verließ ich den Laden um 10 vor 11 und hatte nicht nur neue Speichen, sondern auch neue Griffe. Wow. Jetzt aber los zur JH und meine Sachen einsammeln.

Zelle in Bautzen

Standardzelle in Bautzen II

Ich fuhr aber nicht gleich los aus Bautzen, sondern begab mich erst einmal zur Gedenkstätte am Orte des ehemaligen Gefängnisses Bautzen II, des Stasi-Gefängnisses, das heute im Wesentlichen als Museum eingerichtet ist. Interessant war es allemal, und auch ziemlich beklemmend. Es gab Leute, die waren mehrmals in Bautzen eingesperrt, einmal unter den Nazis (als Kommunisten) und einmal unter den Kommunisten (weil zu kritisch). Und nachdem die Räume, die ich zu sehen bekam, immer enger wurden, war ich irgendwann soweit, dass ich raus musste, und im Gegensatz zu den Vorgängen noch vor 25 Jahren konnte ich das auch. Jetzt aber wirklich raus aus Bautzen.

Löbau

Löbau Marktplatz

Während ich im Gefängnis war, war draußen ein Regenschauer niedergegangen, aber der tat nicht viel zur Sache. Ich zog zuerst die Regenjacke an, weil es etwas kühl war, aber bald fuhr ich ohne Jacke mit hochgekrempelten Ärmeln gen Löbau. In Löbau machte ich dann verspätet Mittag und ignorierte die Landesgartenschau (weil mich Gärten nicht so sehr interessieren). Ich fuhr weiter Hügel raus, Hügel runter gen Görlitz, und bei Tageskilometer 35 brach wieder eine Speiche im Hinterrad (ich glaube, es war sogar eine von den neuen). Na super! Vermutlich habe ich echt etwas zuviel Last drauf, aber dennoch sollte eine Speiche länger halten als 35 Kilometer. Ich fuhr dann einfach weiter (was hätte ich auch sonst tun sollen?) und erreichte schließlich Görlitz, wo mir ein der JH auch noch ein Zimmer zuteilwurde (eigentlich ein Zweibettzimmer, aber das zweite Bett wurde nicht belegt). Und dann fragte ich nach dem nächsten Fahrradladen. Der soll wohl nur zwei Ecken weiter sein, war dort aber nicht zu finden, also schickte man mich zu Little John’s Bikes, ein Laden derselben Kette wie der in Bautzen. Dort reparierte man nicht nur mein Hinterrad, sondern brachte auch das Licht in Ordnung, und zwar Vorder- und Rücklicht, innerhalb einer halben Stunde. Klasse gemacht, Jungs! Jetzt hoffe ich, dass das Rad noch drei, vier Tage durchhält, dann sollte ich in Breslau sein.

Der erste Hinweis

Das erste Hinweisschild nach Breslau

Ich nahm mir noch eine halbe Stunde Zeit für leichtes Sightseeing in Görlitz und kehrte dann in die JH zurück, um den morgigen Tag etwas zu planen. Meine Straßenkarte hilft ein wenig, aber ich werde wohl morgen doch erst mal die Hauptstraße nehmen und versuchen, Lauban zu erreichen. Und dann sehe ich mal weiter. Ich habe auch meinen Polnisch-Sprachführer zur Hand genommen und habe ein wenig geblättert, um den Umgang damit reinzubekommen. Fahrrad heißt auf Polnisch rower, was ich ganz witzig finde. Noch witziger finde ich aber, dass die Abteilung „Erste Kontakte“ nicht nur „Bitte“ und „Danke“ und „Ich heiße…“ beinhaltet, sondern bis zu „Gehen wir zu dir oder zu mir?“ reicht. Und wenn die gegenseitige Verständigung nur mit diesem Büchlein läuft, dann dürfte das auch wichtiger sein „Ich liebe dich“. Bin ja gespannt, ob ich das noch anwenden kann 😉

Görlitz: Altes Kaufhaus

Platz in Görlitz mit dem alten Karstadt-Kaufhaus (rechts)

Tango

Tangotanzende Menschen auf demselben Platz

Es schaut mich an

Mit drei Augen schaut es mich an…

So, genug geschrieben, morgen wird es spannend. Ich habe das Gefühl, dass morgen ein ganz neues Abenteuer losgeht, in einem fremden Land mit fremder Sprache. Dagegen war alles bisherige nur Vorgeplänkel. Also, Daumen drücken, alles wird gut.

Start: Bautzen (10:45); Ende:  Görlitz (17:00)                                               
Tagesstrecke: 51,04 km; Zeit: 3:07:46; Avg. Speed: 16,31; Max. Speed: 50,75

Voriger Teil: Tag 9 – Nächster Teil: Tag 11

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2 Kommentare zu “Die Reise nach Breslau: Tag 10

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