Bielefeld gibt es doch (Teil 3)

Ich kehre noch vor Ende der Halbzeitpause an meinen Platz zurück, es läuft noch ein bißchen Musik, und dann kehren auch die Mannschaften auf ihren Platz zurück, nämlich en großen grünen in der Mitte des Stadions. Der Platz rechts neben mir ist noch unbesetzt, alle anderen scheinen da zu sein. Alles ist bereitet für eine spannende zweite Hälfte.

Die beginnt mit der Rückkehr meines Arminen-Nachbarn. Er hat ein Bier dabei und hält es mir zum Anstoßen hin. „Prost“, sagen wir beide, er fügt „Auf die Arminia“ hinzu, ich kontere mit „Auf die Preußen“, woraufhin nur Gegrummel zurückkommt. Ich scheine das Spiel derzeit mehr zu genießen als er. Ich habe gerade dieses Gefühl von „Hier geht noch was“, er dagegen scheint nach dem Augleich Schlimmes zu befürchten. Diese Stimmungsverteilung ändert sich recht bald, weil sich nur wenige Minuten nach der Pause ein Arminenspieler gegen vier Preußen-Abwehrleute durchsetzt (speziell Stefan Kühne, wie ich hinterher sah) und die erneute Führung für die Gastgeber erzielt. Alles springt auf, ich bleibe sitzen und vergrabe das Gesicht in den Händen. Was zum geier war das denn? Der Armine wuschelt mir tröstend (oder wohl eher spöttisch) durch das dünne Haar. Ich stehe auch auf, um mir einen Überblick zu verschaffen, aber viel gibt es jetzt nicht zu sehen. In der Folge ist das Spiel eher flach, also vom Niveau her, denn die Bälle fliegen in ungeahnte Höhen, und immer hat ein Armine den Kopf dran. Hoch kommen heute auch unsere Ecken, sie werden aber allesamt vom Schnapper der Bielefelder weggefischt. Preußen ist bemüht, aber wirkungslos, während Arminia immer wieder mal Alarm macht. Irgendwann hat Preußen sogar eine richtige Torchance, und wie der den drübergeschossen hat, weiß ich immer noch nicht. Die Minuten verrinnen, und mein persönliches Highlight ist die Bekanntgabe der Zuschauerzahl: 21203, also fast genau das, was ich getippt habe.

Die letzte Viertelstunde wird eingeläutet, Preußen müht sich um den Ausgleich, ist aber weiterhin harmlos. Mein Bielefelder Nachbar rauft sich trotzdem die Haare, wenn Preußen es mal ins Arminendrittel schafft. Ich habe derweil alle Hoffnung fahren lassen, da kann doch nichts rauskommen. Wieder ein Ball nach vorne, wieder ins Aus, wieder ist ein Gegenspieler dran, hier passiert dich nichts ernstes mehr. Vielleicht kriegen wir wieder unser obligatorisches Abschlußgegentor? wie durch ein Wunder geht es heute andersherum, und Joe Vunguidica macht in der 90. Minute den Ausgleich. Der Armine neben mir sackt in sich zusammen, während ich aufspringe und mich wie ein Honigkuchenpferd freue. Noch zwei minuten zittern, dann ist es vorbei. Unentschieden, mal wieder. Fühlt sich aber an wie Gewonnen, klar, wir haben ja auch den späten Ausgleich gemacht. Hilft uns tabellarisch natürlich nicht wirlich weiter. Während ich noch grübele, gibt es auf dem Platz Tumult und Geschrei, die Bielefelder Fans pfeifen; offenbar hat Joe den Arminen den Finger gezeigt, so sagen es zumindest die Leute hinter mir. Mein Arminennachbar macht sich vom Acker, wir verabschieden uns per Handschlag und wünschen uns gegenseitig einen schönen Tag.

Ich filme noch ein bißchen mit der Digitalkamera das Geschehen und gehe dann auch Richtung Ausgang. ich bin noch nicht aus der Sitzreihe raus, da meldet sich der Stadionsprecher mit den Ergebnissen der Liga. Wehen und Oberhausen haben gewonnen, na super. Das macht das Remis umso ärgerlicher. Wenn es ganz blöd läuft, stehen wir nächste Woche auf einem Abstiegsplatz. Meine gute Laune ist wie weggeblasen, ich stapfe mißmutig die Treppe herunter und versuche, meinen bepfandeten Becher loszuwerden. Gar nicht so leicht, denn an der Bude gibt es kein Kleingeld mehr. Zum Glück hat jemand anders Kleingeld und hilft aus, und dann gehe ich zurück zur Stadtbahn, fahre Richtung Hauptbahnhof und schlage mir noch eine halbe Stunde um die Ohren, bis mein Zug kommt. Da ich in Zivil bin, stört mich niemand, und auch vom Preußenmob bekomme ich kaum etwas mit.

Mein ICE ist leicht verspätet, macht aber nichts. Am Abhnsteig treffe ich einen Bekannten, der auch mit dem ICE fährt. Ich habe seinen namen vergessen, aber wir plaudern auch nur fünf Minuten, dann trennen sich unsere Wege, weil er mit dem anderen Teil fährt (der ICE trennt sich in Hamm). Auf der Heimfahrt lese ich die FAZ und denke nicht viel an Preußen. Erst zuhause geht es ab ins Forum, Eindrücke lesen und so. Es herrscht mal wieder Untergangsstimmung, wie so oft in den letzten Wochen. Quo vadis, SC Preußen? Ich weiß es nicht.

Fazit: Das war ein toller Fußballtag, in Bundesligaatmosphäre, mit einem glücklichen Ergebnis, mit einem Auf und Ab an Gefühlen, mit dem schönen Gefühl des Torjubels und dem schlimmen Gefühl des Gegentors. „Moralischer Derbysieger“ kann man vielleicht sagen, aber die Siege der Konkurrenten lassen sogar den einen Punkt bitter schmecken. Nun, wenn wir die Klasse halten, werden wir wohl nächstes Jahr wieder auf der Alm antreten, und vielleicht fahre ich dann wieder mit. Bis dahin bleibt zu sagen, daß Bielefeld doch sehr real wirkt, und falls ich gar nicht dort, sondern woanders war, war die Illusion hervorragend. Und damit genug vom Fußball, ich brauche jetzt ein paar Tage Pause, und dann wartet am nächsten Samstag das „Sechs-Punkte-Spiel“ gegen Wehen. Hoffentlich wirds dann besser.

(Teil 1)

(Teil 2)

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2 Kommentare zu “Bielefeld gibt es doch (Teil 3)

  1. […] (Hier geht es weiter mit Teil 3) […]

  2. […] (Und hier ist Teil 3) Share with:FacebookE-MailDruckenGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post gefällt. Dieser Artikel wurde in Fußball veröffentlicht und mit bahn, bielefeld, ice, preussen, schüco, support, zivil getaggt. […]

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